Montag, 19. Februar 2018

 

Am Donnerstag, dem 16. November 2017, besuchte der Zeitzeuge Mario Röllig aus Berlin zum vierten Male das Gymnasium Kenzingen und hielt in der Schulaula einen Vortag über seine Zeit in der damaligen DDR. Sowohl Schüler als auch Lehrer erhielten von den Erzählungen einen guten Einblick in sein Leben in der DDR. Der 50-Jährige berichtete über seine Inhaftierung im Stasigefängnis Berlin-Höhenschönhausen, über Bespitzelungen in seinem nahen Umfeld und über seine Freilassung nach der Haft. Nach seinem Vortag stand Mario Röllig den Teilnehmerinnen der AG Journalistisches Arbeiten für ein Interview zur Verfügung.

1. Was verbinden sie mit unserem Gymnasium?
Honig. Ich bekomme immer einen Pott Schulhonig, der besonders lecker ist. Das ist das Haptische, das ich mit der Schule verbinde. Natürlich verbinde ich mit dem Gymnasium meine Reise hierher in die Gegend, wo ich  bei einer befreundeten Familie in Lahr eine Homebase habe. Durch die Besuche hier in der Region sind gerade in den letzten Jahren auch ganz schöne Bekanntschaften entstanden, zum Teil auch Freundschaften. Auch wenn für mich immer wieder das gleiche Thema oder der gleiche Vortrag ist, ist jede Veranstaltung auch immer anders. Auch die Zuhörer, die Lehrer, die meistens mehrmals dabei sind, empfinden meinen Vortrag auch immer anders, mit neuen Nuancen, mit andern Schwerpunkten. Man verändert sich und ich muss mich auf das Publikum auch immer neu einstellen und bei euch im Gymnasium sind die Schüler, die Jahrgänge auch immer anders. Manchmal sind sie lebendiger, manchmal trauen sie sich nach dem Vortrag mehr ins Gespräch einzusteigen, manchmal sind sie ganz schüchtern. Gerade im Gegensatz zu Großstadtschulen sind die Schüler hier echt Gold. Meine Erfahrung als Außenstehender ist, dass das Publikum hier einerseits dankbar und andererseits empathisch ist. Die Vorträge sind überall anders, aber in den neuen Bundesländern ist es noch einmal anders als in alten wie hier in Baden-Württemberg.

2. Sie führen Besuchergruppen auch durch das ehemalige Stasigefängnis Hohenschönhausen in Berlin. Worin liegt für Sie der Unterschied zwischen dieser Arbeit und der Aufklärungsarbeit, die Sie an Schulen leisten?
Das Positive für mich ist, dass ich durch die Arbeit an den Schulen ganz Deutschland kennen lerne. Als Berliner würde ich ja nicht unbedingt auf die Idee kommen, in Kenzingen Halt zu machen, wenn ich hier niemanden kenne. Durch diese Vorträge lerne ich also meine Heimat Deutschland besser kennen. Viele Ecken, von denen ich nicht wusste, dass sie so schön sind. Der größte Unterschied liegt natürlich darin, dass ein neutrales Gebäude immer etwas anderes ist, als ein so belasteter Ort, wo man gelitten hat. Hohenschönhausen hat bis heute immer noch eine negative Ausstrahlung: Sie können in einer Gedenkstätte, um die Gedenkstätte herum alles renovieren und frisch machen, aber es bleibt nach wie vor Stasitown. Denn nach wie vor leben immer noch ehemalige Wärter und Offiziere in der unmittelbaren Umgebung. Die Gedenkstätte ist bei den Nachbarn, vor allem bei den speziellen Nachbarn, natürlich nicht beliebt. Ich gehe nicht öfter als dreimal im Monat dorthin, weil man sonst nie mit dem Kopf aus dem Gefängnis rauskommt.
3.Warum ist Ihnen Aufklärungsarbeit wichtig?
Für mich ist es ganz eindeutig so, dass die Jugendlichen von heute dieses Land später einmal auf  den verschiedensten Ebenen gestalten werden, vom Arbeiter bis zum  Minister. Deshalb ist mir sehr wichtig, bei den jungen Generationen Verständnis für Geschichte hervorzurufen, Verständnis für Minderheiten, für Toleranz, für Vielfalt in unserer Gesellschaft, damit das alles erhalten bleibt. Aufklärung ist die beste Waffe gegen Nostalgie, ist die beste Waffe gegen Intoleranz und gegen totalitäre Tendenzen, die vom Links- und Rechtsextremismus kommen. Und es befreit, von meiner Geschichte zu erzählen. Ich damit verliere die Angst vor der Vergangenheit, und habe deshalb auch keine Albträume mehr.
4. Was hat Sie am heutigen Vortrag von Seiten der Schülerschaft beeindruckt?
Das große Interesse der Zuhörer, der Jugendlichen. Dass eine Gruppe zuhört, finde ich klasse. Noch Anfang der Neunziger Jahre oder wo ich aus der DDR raus war, hab ich immer gedacht, es interessiert sich niemand dafür, welche schlimmen Erlebnisse wir als ehemalige politische Häftlinge hatten. Und es wurde darüber auch nie gesprochen. Die DDR ist ja für junge Menschen heute manchmal beinahe so weit weg wie das römische Reich. Aber durch Zeitzeugen wie mich merken sie, dass Diktaturen gar nicht soweit weg sind.
Interview: Tatjana Kovacevic, Elena Schulze
Foto (PresseAG): Mario Röllig während seines Vortrages in der Aula des Gymnasiums